Morgenstimmung in El Rocío: Leichter Nebel liegt über den Seen der „Marismas“, der weiten Feuchtgebiete des Naturparks Coto de Doñana. Flamingos stehen am gegenüberliegenden Ufer im Wasser und wirken auf die Entfernung wie eine zart-rosafarbene Wolke… Störche staken durch die Wiesen auf der Suche nach Nahrung, während Stiere und Wildpferde friedlich auf den umliegenden Grasflächen weiden. Inmitten des Naturparks liegt das kleine Dorf El Rocío, auf Deutsch „der Morgentau“. Ein verschlafenes Örtchen, in dem nur wenige Menschen wohnen und in den sich nur selten ein Tourist verirrt. Doch einmal im Jahr erwacht das Dorf aus seinem Dornröschenschlaf: Über Pfi ngsten pilgern Hunderttausende von Spaniern nach El Rocio, um der sagenumwobenen Madonna des Ortes zu huldigen. Mehr als 130 Bruderschaften haben sich diesem Marienkult verschrieben und machen sich Jahr für Jahr auf eine ganz besondere Reise.
Auf den ersten Blick gleicht El Rocío einer verlassenen Westernstadt – breite Sandwege durchziehen den Ort, die Häuser erbaut mit Veranda und Anbindebalken für die Pferde. Die meiste Zeit des Jahres sind die meisten Häuser, Restaurants und Kneipen geschlossen, die Straßen verwaist. Im Zentrum des Dorfes thront eindrucksvoll die „Ermita del Rocío“, die blendend weiße Kirche mit dem großen Eingangsportal in Form einer Muschel – ein wahres Schmuckstück andalusischer Architektur. Einer alten Sage nach wurde einst an ihrer Stelle von einem Hirten zu Pferde im hohlen Stamm eines Olivenbaumes eine Marienfigur gefunden. Nachdem die Gemeinde Almonte unter dem Schutz der Jungfrau mehrfach von Unglückseligkeiten verschont blieb, wurde ihr zu Ehren diese Kirche als Symbol des Glaubens erbaut. Seit Jahrhunderten ist sie nicht nur das Wahrzeichen des Ortes, sondern Ziel einer der größten Wallfahrten Spaniens.

Traditionen neu beleben

Aus allen Teilen Spaniens kommen zu Pfi ngsten die Romeros, die Pilger auf dem traditionell festgelegten Weg, dem „Camino“, zu Pferd oder Maultier nach El Rocío. Teilweise dauert die Anreise bis zu einer Woche … Für die Reise zur Jungfrau von El Rocío ist keine Mühe zu groß, keine Hürde zu hoch. Bereits Wochen vorher fangen die Vorbereitungen an: Das Sattelzeug wird poliert, Kutschen werden auf Hochglanz geputzt, die Pferde neu beschlagen und alle Reise-Utensilien gepackt. Jede der Glaubensgemeinschaft führt einen reich verzierten hochrädrigen Karren mit sich, der die Insignien der Gottesmutter trägt. Sein silberner Baldachin ist gekrönt von einer Taube, dem Symbol der heiligen Jungfrau „Blanca Paloma“ – auf deutsch „Weiße Taube“. Während der Prozessionen werden die Pilger wagen von prächtigen, mit Samtdecken geschmückten
Ochsen gezogen. Die zahlreichen Reitergruppen und Kutschen der Bruderschaften werden begleitet von bunt geschmückten Planwagen und von geländegängigen Fahrzeugen, die Mensch und Tier auf ihrer Reise mit Proviant versorgen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Für viele Pilger gilt bei dieser Wallfahrt das Motto „Der Weg ist das Ziel“. Unterwegs wird in Zelten oder unter freiem Himmel geschlafen, gemeinsam wird am Lagerfeuer bis in die frühen Morgenstunden bei Gitarrenklängen und Flamenco gefeiert. Am Morgen versammelt man sich im Pinienwald zur Andacht: In Gebeten gedenkt man der Madonna von El Rocío und bittet um ihren Segen. Trotz der beschwerlichen Umstände – fernab der Zivilisation und modernem Komfort – genießt man diese Reise: Zeit für sich, für Freunde und Mitreisende. Zu Pferde in gemächlichem Schritt nebeneinander herreiten, ein kleines Schwätzchen halten, unterwegs mit einem Sherry anstoßen… Der Trupp kommt nur langsam voran, aber Stück für Stück nähert man sich dem Wallfahrtsort. In El Rocío angekommen, werden die speziell nur für diese Wallfahrt erbauten Häuser bezogen, die Pferde werden in den Stallungen im hinteren Teil untergebracht. Je reicher eine Bruderschaft ist, umso größer und prächtiger das Haus Keine Klassenunterschiede Nach Rocío kommen alt und jung, arm und reich, vom Zigeuner bis zum Großgrundbesitzer. Wer etwas auf sich hält, bewegt sich zu Pferd, um den Hals die silberne Medaille der Bruderschaft seiner Heimat, am Sattel ein kleines Gläschen im Lederetui – griffbereit, um jederzeit mit einem Sherry anstoßen zu können… Rund 20.000 Reiter treffen im Laufe der Tage in dem kleinen Wallfahrtsort ein und versammeln sich vor dem Portal der Kathedrale, um die Segnung der Priester zu empfangen und der Madonna ihre Ehrerbietung zu erbringen. Inbrünstige Rufe der Menge begleiten die Gebete und lassen die Jungfrau hochleben, spontanes rhythmisches Händeklatschen und Flamenco-Töne erklingen. Auf den Veranden der Häuser wird fröhlich musiziert und getanzt. Stolze „Caballeros“ in andalusischer Tracht reiten von Haus zu Haus und werden vom jeweiligen Hausherrn zu einem Sherry eingeladen und mit Tapas-Häppchen bewirtet. Die Frauen nehmen stilvoll im Flamencokleid auf dem Pferd Platz – meistens hinter ihrem Caballero, mit einem kleinen Sitzkissen auf der Kruppe des Pferdes, die Beine seitlich übergeschlagen und elegant den Rocksaum über die Flanke des Pferdes drapiert. Andere Damen sieht man in eleganter Reittracht auf eigenem Pferd, auch im Damensattel. Man präsentiert sich gerne dem Publikum – da wird auch mal eine Piaffe oder Spanischer Schritt gezeigt. In diesem Moment wird dem Betrachter bewusst, dass in Andalusien die Reiterei mit alten Traditionen und Bräuchen eng verknüpft ist. Ein Fest ohne Pferde und Reiter ist im tiefen Süden Spaniens, seit Jahrtausenden Wiege der Pferdezucht, schlichtweg unvorstellbar.

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Wohin man schaut, ziehen Reitergruppen und Kutschen vorbei, Frauen flanieren in bunten Kleidern, deren Volants in Kaskaden bis zum Boden reichen, über den sandigen Dorfplatz von El Rocío. Und mittendrin, im Zentrum des Geschehens, die strahlend weiße Kirche. Sie ist der Kokon, der die Madonna umhüllt. Mit gefalteten Händen und leuchtendem Gesicht, andachtsvoll und teils mit Tränen in den Augen, blicken die Pilger zu der Frauengestalt empor, welche mit gütigem Blick in einem goldenen Gewand auf dem Altar thront. Murmelnd werden vor ihr die Gebete gesprochen, Kerzen angezündet. Draußen wird derweil voller Begeisterung getanzt. 3 Tage und 3 Nächte wird gebetet und gefeiert. Hier ist das kein Gegensatz: Erst zur Andacht in die Kirche, dann weiter in die Kneipe – typisch für El Rocío.

Der Segen der Madonna

Am Sonntagabend versammeln sich die Gläubigen in der Kirche und auf dem großen Sandplatz zum Gebet. In einer mystisch anmutenden Prozession, mit schier endlosen Menschenschlangen, die Tausende von Kerzen und Fackeln in den Händen tragen, geht es auf den Höhepunkt der Wallfahrt zu. Traditionell zum Sonnenaufgang, meist gegen 4 Uhr morgens, wird auf Zeichen des Priesters von den Mitgliedern der Haupt-Bruderschaft aus Almonte die Absperrung zum Kirchenaltar übersprungen und die Jungfrauen-Statue unter dem Jubel der Menge ins Freie getragen. Viele Gläubige versuchen, die Jungfrau oder zumindest ihr Gewand zu berühren – Kranke und Alte, aber auch Kinder sollen so ihren besonderen Segen empfangen. Von der Kathedrale wird die „Blanca Paloma“ durch den ganzen Ort zu den Häusern aller Bruderschaften getragen, Priester halten Dankgebete und Fürbitte für das kommende Jahr. Bis in die Morgenstunden dauern die Gebete an. Ab Montagmittag reisen die Bruderschaften und Pilger wieder ab – zum Teil über ihren alten Pilgerweg – um in den Heimatorten den Segen der Madonna zu überbringen. In El Rocío kehrt wieder Ruhe und Frieden ein.
Bis zum nächsten Jahr …